Historie

Die Gründung des Land- und Forstwirtschaftlichen Arbeitgeberverbandes und ihre Bedeutung

Davon freilich ließen sich die „Männer der ersten Stunde“ wenig beeindrucken. Sie hatten vielfach noch die berufs-ständisch-agrarische Zerrissenheit und Interessenzergliederung vor der NS-Zeit plastisch vor Augen, ebenso freilich das abschreckende Beispiel der nachfolgenden gekünstelten Nivellierung und Einengung landwirtschaftlicher Politik auf die Interessen des Hitler-Staates und seiner Einheitspartei im Zeichen des Nährstandes.

Vor diesem Erlebnishorizont entstand bei einigen Männern, die politisch nicht belastet waren und überwiegend schon vor 1933 Erfahrungen in der Landwirtschaft und Agrarpolitik gesammelt hatten, der Wunsch, etwas völlig Neuartiges zu schaffen. Sie hatten die menschenverachtende Diktatur und den schrecklichen Krieg erlebt und dabei ein gewisses Gespür für kameradschaftlichen Zusammenhalt entwickelt, der existenznotwendig war. Die Aspekte Zusammenhalt und Partnerschaft – hier natürlich auf die bäuerlichen Interessen und ihre adäquate Vertretung ausgerichtet – wurden dann auch zu Triebfedern und Integrationsklammern der späteren Verbandsgründung.

Die Gründerväter des Verbandes kamen zwar zu einem guten Teil aus dem städtischen Bereich bzw. dem unmittelbar angrenzenden Umland – etwa aus Frankfurt, Gießen, Bad Homburg oder Biedenkopf -, erhielten aber in der Folgezeit wesentliche Impulse und besonderen Zuspruch „von unten“, aus den durch die Landwirtschaft geprägten Dörfern des flachen Landes, wo vielfach früher eine positive Stimmung, die schöpferisch-produktive Energien freisetzte, aufkam als in den zerbombt oder ausgelaugt darniederliegenden großen Städten.

Angesichts der katastrophalen Nahrungsmittelversorgungs-Situation trat die Notwendigkeit einer funktionierenden Landwirtschaft und ihrer institutionellen wie strukturellen Absicherung im Interesse des ganzen Landes für viele Zeitgenossen ohnehin sehr deutlich als wesentliche Aufgabenstellung hervor.

Schon lange vor der NS-Zeit hatte es einen Land- und Forstwirtschaftlichen Arbeitgeberverband für Kurhessen in Kassel gegeben, der 1934 zwangsaufgelöst worden war. Nach dem Untergang des III. Reiches erinnerte man sich zunächst dieses traditionsreichen Verbandes, um überhaupt einen Ansatz- bzw. Anknüpfungspunkt für berufsständische landwirtschaftliche Interessenvertretung zu finden.

Noch im Dezember 1945 wurde ein solcher Verband für Hessen und Nassau in Frankfurt/Main ins Leben gerufen, initiiert durch den Landwirt Willi Wentzell, Besitzer der Obermühle in Niederursel, den späteren ersten Geschäftsführer des Hessischen Bauernverbandes Dr. Otto Kneipp (Bad Homburg) und den Landwirtschaftsrat Dr. Ewald Becker (Frankfurt).

Es gelang den Gründern des Arbeitgeberverbandes, zwei Kellerräume im Haus der ehemaligen Landesbauernschaft Hessen-Nassau in der Bockenheimer Landstraße 25 in Frankfurt am Main anzumieten, die mit bescheidenen Mitteln spartanisch für die Verbandstätigkeit hergerichtet wurden. Als Leiter dieser Geschäftsstelle fungierte Dr. Becker.

Die Initiatoren hatten freilich von Anfang an weiterreichende Pläne und setzten sich bald mit Dr. Wilhelm Sinning aus Guxhagen, dem Vorsitzenden des Arbeitgeberverbandes von 1921 bis 1934, in Verbindung, um eine Reaktivierung des kurhessischen Verbandes zu erwirken, mit dem eine enge Kooperationsform gefunden werden sollte.

Das Vorhaben stieß auf fruchtbaren Boden, wenngleich es bis zum 10. Januar 1947 dauern sollte, bis die kurhessische Sektion eine erste Mitgliederversammlung in den Kasseler Germania-Gaststätten abhalten konnte. Lange zuvor waren freilich eine Reihe von wichtigen Kontakten geknüpft und wegbereitende Konsultationen aufgenommen worden.

Am 10. Juli 1946 hatte bereits eine Besprechung zwischen Vertretern des vorbereitenden Ausschusses und Vertretern des Land- und forstwirtschaftlichen Arbeitgeberverbandes für Hessen und Nassau auf dem Sitz des Grafen Matuschka (Schloss Vollrads) stattgefunden, bei der beschlossen worden war, „für das Staatsgebiet Hessen einen gemeinsamen Arbeitgeberverband zu gründen und nicht etwa 2 getrennte Arbeitgeberverbände für Kurhessen und Oberhessen“.

Wir fügen hinzu, dass der Beschluss zur Gründung eines einheitlichen Arbeitgeberverbandes im Kern schon am 26. März 1946, dazu an anderer Stelle Genaueres, erfolgt war und dass jener damals anvisierte gemeinsame Land- und Forstwirtschaftliche Arbeitgeberverband für Hessen schließlich am 25. Februar 1947 in Gießen offiziell gegründet wurde. Der Verband stellte übrigens keineswegs ausschließlich ein Sammelbecken für Großagrarier dar, auch mittlere und sogar kleinere Bauern mit ein oder zwei Arbeitskräften waren vertreten. Vorsitzender wurde – was naheliegend war – Dr. Sinning.

Die Geschäftsstelle wurde in Kassel eingerichtet, neben der bis 1949 in Frankfurt noch das Büro für Südhessen existierte, als man sich schließlich für eine Gesamtgeschäftsstelle für Hessen in Kassel entschied. Die Verbandsgeschäftsstelle bestand dort übrigens bis Anfang 1973. Dann wurde sie im Zeichen einer Bürogemeinschaft mit dem Hessischen Bauernverband nach Bad Homburg verlegt.